Ein Expertensystem für das computergestützte Design individueller Knieimplantate.
Individuelle Endoprothesen passen sich der Anatomie des Patienten an – statt umgekehrt. Ihr Design ist bislang jedoch aufwändig und teuer, weil die geometrischen Maße weitgehend von Hand aus der Bildgebung abgeleitet werden. EXPERTEB automatisiert diesen Schritt: Aus den CT-Daten werden die patientenindividuellen Maße für die Implantatvorlage weitgehend automatisch ermittelt – die Grundlage für eine schnellere, günstigere und passgenauere additive Fertigung von Knieimplantaten.
Patientenindividuelle Implantate passen sich der Anatomie des Patienten an und benötigen weniger Abtrag von gesundem Knochengewebe – das kann Heilungschancen, Haltbarkeit und Lebensqualität verbessern. Trotz dieser Vorteile werden meist Standardimplantate bevorzugt, weil das Design individueller Endoprothesen aufwändig und teuer ist: Die äußere Geometrie wie Abrollflächen und Außenmaße wird bislang weitgehend händisch aus der Bildgebung abgeleitet.
Ziel von EXPERTEB war es, ein individuelles Knieimplantat in der klinischen Routine konkurrenzfähig – ja sogar zur bevorzugten Wahl – zu machen, indem der Designprozess durch Automatisierung und passende Schnittstellen vereinfacht und beschleunigt wird. Perspektivisch soll der Arzt das Implantat weitgehend selbst nach seinen Vorstellungen gestalten können, ohne auf einen technischen Experten angewiesen zu sein.
Kern des von Dornheim bearbeiteten Teilvorhabens (AP 1) ist ein Statistical bzw. Active Shape Model (SSM/ASM), das Femur und Tibia aus den CT-Daten des Patienten als separate 3D-Modelle segmentiert. An das Modell sind Messobjekte geknüpft, die automatisch die geometrischen Parameter für die äußere Form des individuellen Implantats liefern. Durch die Adaption des Modells an eine leicht idealisierte, gesündere Knochenform ergeben sich die individuellen Außenmaße, die über eine definierte Schnittstelle an die Partner übergeben werden.
Die ermittelten Parameter fließen anschließend in ein parametrisches Einheitsmodell (TU Dresden) und in ein künstliches neuronales Netz (iba) ein, das die innere Geometrie – etwa die Länge des Stiels – berechnet. So entsteht Hand in Hand ein individuelles Implantatdesign, das an die biomechanische Optimierung (AP 2) und die additive Fertigung (AP 3) übergeben wird. Ein einheitliches Koordinatensystem sorgt dabei für reproduzierbare, vergleichbare Ergebnisse über alle Fälle hinweg.
Für den klinischen Einsatz sind Genauigkeit und Geschwindigkeit entscheidend. Die Segmentierung muss die reale Knochenkontur mit einer Toleranz von etwa einem Millimeter treffen – abgeleitet aus den üblichen Toleranzen beim Einsetzen von Standardimplantaten. Um Rauschen zu reduzieren, ohne die Objektkanten zu verwischen, kam anstelle des rechenintensiven Bilateralfilters ein Guided Filter zum Einsatz, der kantenerhaltend und in akzeptabler Zeit glättet.
Bei Datensätzen, die zu den Trainingsdaten passen, liegt der manuelle Aufwand im Schnitt deutlich unter den angestrebten 30 Minuten – im Demonstrator wird lediglich die Position des Knochens markiert, den Rest übernimmt das Verfahren weitgehend autark. Da das Modell mit wachsender Datenbasis kontinuierlich weiter angelernt wird, verbessern sich die Ergebnisse über die Zeit.
Dornheim übernahm die Gesamtkoordination des Verbunds und bearbeitete AP 1: die automatisierte Segmentierung und 3D-Modellierung der anatomischen Strukturen, intuitive Interaktions- und Korrekturwerkzeuge zur Qualitätskontrolle, wissensbasierte Methoden zur Auswahl eines Basisimplantats sowie die Konzeption einer erweiterbaren Implantatbibliothek und der erforderlichen Schnittstellen. Auf Basis des über viele Jahre gereiften Dornheim Segmenter® entstand ein Demonstrator aus mehreren zusammenspielenden Modulen. Die erarbeiteten Verfahren fließen in die Dornheim.Cloud sowie in Spezialmodule des Dornheim Segmenter ein und wurden im direkten Anschlussprojekt OptiKneeBM um das Design der zugehörigen Schnitt- und Bohrschablonen erweitert.
In EXPERTEB entstand ein Demonstrator aus mehreren Modulen, der die geometrischen Maße zur Prothesenparametrisierung weitgehend automatisch aus einem CT-Datensatz berechnet – von der Datensatzaufbereitung über das Training des Statistical Shape Models bis zur automatischen Vermessung und Evaluierung. Diese Bausteine werden schrittweise in Spezialmodule der Dornheim.Cloud und in den Dornheim Segmenter überführt. Die Ergebnisse bildeten zugleich die Grundlage für das Folgeprojekt OptiKneeBM, in dem das Design der zugehörigen individuellen Schnitt- und Bohrschablonen erforscht wurde.
Das Vorhaben „EXPERTEB – Expertensystem für das Design und die Fertigung von Endoprothesen mittels Electron Beam Melting (EBM)“ wurde im Rahmen des Programms „Zwanzig20 – Partnerschaft für Innovation“ durch das BMBF gefördert (Förderkennzeichen: 03ZZ0214A). Das Projekt war Teil des AGENT-3D-Netzwerks für additive Fertigung.